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Künstlicher Bandscheibenersatz

Implantation von Bandscheibenprothesen der Lendenwirbelsäule (LWS)

Ziel

Ziel ist bei klar bandscheibenbedingtem chronischem Rückenschmerz über die komplette Entfernung des Schmerzauslösers (Bandscheibe=Diskus) die Funktion des degenerativ nicht wesentlich vorgeschädigten Wirbelsäulensegments zu erhalten.

Dies beinhaltet den Erhalt der Segmentmobilität, die Wiederherstellung der reduzierten Höhe des erkrankten Zwischenwirbel- oder Diskus-Raums, die Entlastung der Kleinwirbel- oder Facetten-Gelenke und die Entlastung der Nerven-wurzeln über eine Erweiterung der Zwischenwirbel-Austrittsöffnungen (Intervertebral-Foramina). Unbehandelt führt der degenerative krankhafte Diskusverschleiss zu den eben genannten Veränderungen mit Entwicklung von Arthrosen der Facetten-gelenke (Spondylarthrose), des Diskuskollaps mit entzündlichen und schmerzhaften Veränderungen der Wirbelendplatten (Osteochondrose), Knochen- und Bandverdickungen (osteoligamentäre Hypertrophie) mit Kompression der Nervenstrukturen und der Versteifung des kranken Segments (Fusion) in einem langwährenden Umbauprozess.

Hintergrund

Bei der degenerativen Diskuserkrankung lag der Schwerpunkt der Behandlung im Falle des Versagens konservativer-nichtoperativer Massnahmen auf der operativen Versteifung des Zwischenwirbelraums (interkorporeller Fusion). Die Fusion als „Gold-Standard“ zu betrachten ist trotz weiterentwickelter Technik umstritten und bislang im Langzeitverlauf im Rahmen von evidenz-basierten Studien nicht als überlegene Massnahme im Vergleich zur konservativen-multidisziplinären Therapie bewiesen.

Potentielle Probleme der Fusion liegen in einem Ausbleiben der knöchernen Ver-steifung (Pseudarthrose oder „Falsch-Gelenk“), Knochenspan-Entnahmeschmerz, Implantat-Versagen, insuffizienter postoperativer Wirbelsäulen-Balance, Überbelastung der Nachbarsegmente mit vorzeitiger Anschluss-Degeneration und verzögerte postoperative Mobilisation.

Diese Nachteile befürworten die Suche nach neuen „Nicht-Fusions“-Techniken wie der Diskusprothese mit dem erhofften Vorteil der erhaltenen Beweglichkeit, geringeren Anschluss-Degeneration und rascheren Mobilisation. So ist die volle alltagstaugliche Belastungsfähigkeit bei Prothesenpatienten in der Regel nach 6-8 Wochen wieder erreicht, bei Fusionspatienten frühestens nach einem halben Jahr. Entsprechend dürfen Hobby-Sportarten vorsichtig 8 Wochen nach Prothesen-OP begonnen werden, nach Fusion ist dies hingegen frühestens nach 1 Jahr empfohlen.

In grösseren systematischen Multicenter-Studien sind die Ergebnisse 2 Jahre nach Prothesen-OP gleich gut wie nach Fusions-OP, allerdings profitieren Prothesen-Patienten in der frühen postoperativen Phase deutlich mehr als Fusionspatienten bei zugleich deutlich geringerer perioperativer Morbidität und deutlich besserer Akzeptanz des OP-Verfahrens.

Als Rückzugsmöglichkeit bei Komplikationen bleibt nach Prothesen-OP die Option einer Fusion erhalten.

Indikationen zur Bandscheibenprothese

Die klassische Indikation besteht in einer Diskusdegeneration der Segmente LWK 2/3 bis LWK5/S1 mit vorrangig diskogenem, nicht tolerablem, Rückenschmerz trotz vorausgegangener erfolgloser konservativer Therapie über 6 Monate.

Wichtige Selektionskriterien sind ein Patientenalter unter 50 Jahren, eine erhaltene Restbandscheibenfachhöhe von 4mm, eine intakte hintere Wirbelsäule ohne Hinweise für eine Facetten-Arthrose in kranker oder benachbarter Segmenthöhe und schlüssige diagnostische Tests (Diskographie und Facetteninfiltrationen).

Ergänzende und vielversprechende Indikationen sind bei diskogenem Hauptschmerz auch grosse, zentrale und gedeckte Bandscheibenvorfälle, als auch breitbasig-foraminale Vorfälle, der Diskuskollaps, sowie auch nach Diskusvoroperationen bei geringer Narbe und intakten Facetten.

In erfahrener Hand bestehen durchaus auch gute Indikationen in der Kombination einer Diskusprothese mit einer gleichzeitigen Fusion eines degenerativ fortgeschritten geschädigten Nachbarsegments, sowie in einer 2-Höhen-Versorgung mit Prothese. Die Prothesenversorgung von mehr als 2 Segmenten muss momentan als experimentell bewertet werden.

Gegen-Indikationen zur Bandscheibenprothese

  • Freie sequestrierte Diskusvorfälle mit vorwiegend Beinschmerz
  • Krankhafte Veränderungen des hinteren Wirbelsäulen-Segments wie
    - Arthrosen der Facette-Gelenke
    - Zentrale oder laterale Spinalkanal-Einengungen (Stenosen)
    - Ausgedehnte Defekte nach Voroperationen, z.b. der Wirbelbögen oder der Facetten-Gelenke
    - Ausgedehnte Vernarbungen der Nervenwurzeln und neuropathische chronische Schmerzen
    - Wirbelbögendefekte, degenerativ oder angeboren (Spondylolisthese)
  • Osteporose (Steroide, Antikonvulsiva, autoimmun, metabolisch, Alkohol, Amenorrhoe)
  • Skoliose- oder Kyphose-Deformität
  • Irreguläre Endplatten der Wirbelkörper
  • Frakturen, Tumoren, Infektionen
  • Schwangerschaft, massives Übergewicht
  • Metall-Allergie (Nickel)
  • Zustand nach grosser oder mehrfacher Bauch-Voroperation
  • Nach Eingriffen an den grossen Becken-Bein-Gefässen

Voruntersuchungen

  • Körperliche Untersuchung orthopädisch und neurologisch
  • Röntgen LWS in 2 Ebenen und seitliche Funktionsaufnahmen vornüber- und zurückgebeugt
  • Kernspintomographie (MRI) der LWS

 (Abb.1) MRI-LWS mit Degeneration...

(Abb.1) MRI-LWS mit Degeneration und Vorfall Bandscheibe LWK4/5 ("black-disc")

  • Selektive Infiltrationsdiagnostik (Facettengelenke, Iliosakralgelenke, Nervenwurzeln) zur Eingrenzung der Schmerzherkunft
  • Diskographie (Kontrastmittelfüllung des Bandscheibenfachs unter Röntgen-durchleuchtung), blind für den Patienten mit gesunder Vergleichshöhe zur Prüfung von Schmerzherkunft, Ausmass der Diskuszerstörung, Füllungsdruck mit injizierbarem Volumen und subjektivem Erinnerungschmerz

(Abb.2) Diskographie mit normaler Füllung...

(Abb.2) Diskographie mit normaler Füllung LWK3/4 und krankem Segment LWK4/5 mit Kontrastmittelaustritt nach dorsal (gleicher Patient wie Abb. 1)

Verwendete Prothesentypen

SB Charité III (Link-dePuy)

Die Charité-Prothese ist die älteste etablierte lumbale Diskusprothese mit aktuell 3. Implantat- und 4. Instrumenten-Generation und weltweit über 8000 implantierten Prothesen. Sie besteht aus 2 Metallplatten (CoCrMo) mit dazwischenliegendem Kunststoff-Gleitkern, einem Polyethylen-(PE)-Inlay. Die Verankerung im Wirbelkörper erfolgt über kleine Finnen oder Zähnchen, zusätzlich unterstützt durch eine Be-schichtung mit Titanplasma, Hydroxylappatit und Calciumphosphat.


Biomechanisch stellt die Charité eine «Non-constrained-Prothese» dar mit Freiheits-graden in allen Ebenen. Zusätzlich zu Flexion, Extension, Seitneigung und Rotation ist auch eine Translations-Bewegung möglich, das Rotationszentrum ist mobil.
Abb3

(Abb.3) 3-Komponenten-Diskusprothese SB Charité III

(Abb.3) 3-Komponenten-Diskusprothese SB Charité III

(Abb.4) Halbjahres-Kontrolle einer Versorgung mit Charité-Prothesen in doppelter Höhe

(Abb.4) Halbjahres-Kontrolle einer Versorgung mit Charité-Prothesen in doppelter Höhe

Inklination und Reklination
Reklination

Maverick (MSD)

 

Die Maverick-Prothese besteht nur aus 2 Metallkomponenten (CoCrMo) und ist somit eine Metall-auf-Metall-Prothese. Sie ist Hydroxylappatit-beschichtet und mit je einem Kiel in der Mittellinie im Wirbelkörper verankert. Biomechanisch ist die Maverick eine «Semi-constrained-Prothese» mit fixiertem Rotationszentrum im hinteren Anteil der Prothese.

(Abb.5) Gelenkflächen der anterioren Maverick-Prothese (a-MAV)

(Abb.5) Gelenkflächen der anterioren Maverick-Prothese (a-MAV)

(Abb.6) Implantierte anteriore Maverick-Prothese LWK5/SWK1

(Abb.6) Implantierte anteriore Maverick-Prothese LWK5/SWK1

(Abb.7) Anteriore Maverick-Prothese in letzter lumbaler Diskushöhe

(Abb.7) Anteriore Maverick-Prothese in letzter lumbaler Diskushöhe

(Abb.8)

Neben der direkt von vorn einzubringenden Prothese mit geradem Kiel (a-MAV) gibt es auch eine schräg von links im 35°-Winkel einzubringende Prothese (o-MAV), welche hauptsächlich für die schwerer zugängliche Segmenthöhe LWK4/5 konzipiert ist.

(Abb.8) Sicht auf die schräg einzubringende Maverick-Prothese (o-MAV)

(Abb.8) Sicht auf die schräg einzubringende Maverick-Prothese (o-MAV)

(Abb.9) Links schräg implantierte o-MAV LWK4/5

(Abb.9) Links schräg implantierte o-MAV LWK4/5

(Abb.10) Schräg von links eingebrachte o-MAV-Prothese LWK4/5 (von vorn und seitlich)

(Abb.10) Schräg von links eingebrachte o-MAV-Prothese LWK4/5 (von vorn und seitlich)

(Abb.11)

Operative Vorgehensweise

Der klassische operative Zugang zur lumbalen Prothesen-OP besteht in einem vorderen retroperitonealen Zugangsweg über einen Längs-/ Quer-/ oder Schrägschnitt in Unterbauchmitte. Der Zugang zur vorderen Wirbelsäule erfolgt über die innere seitliche Bauchwand unter Verdrängung des Bauchfell-/Eingeweidesacks zur Gegenseite ohne Durchtrennung von Muskeln. Zur Freilegung des vorderen Bandscheibenfachs ist eine Präparation und teilweise Mobilisation der direkt vor der Wirbelsäule liegenden grossen Gefässe mit Unterbindung abgehender oder einmündender kleinerer Gefässe notwendig. Besonderen Wert muss zusätzlich auf die Schonung des Harnleiters (Ureter), sowie der vor und seitlich der Wirbelsäule verlaufenden vegetativen Nervengeflechte gelegt werden. Die Ausräumung und Dekompression der hinteren Bandscheibenanteile erfolgen zur sichtbaren Dekompression der Neuroforamen und Nervenwurzeln nach zumeist Resektion des hinteren Längsbands in unserer Klinik unter mikroskopischer Sicht.

(Abb.11) Vordere Zugangswege zur Lendenwirbelsäule (rechts oder links retroperitoneal über die seitliche Bauchwand oder gerade-mittig transperitoneal)

(Abb.11) Vordere Zugangswege zur Lendenwirbelsäule (rechts oder links retroperitoneal über die seitliche Bauchwand oder gerade-mittig transperitoneal)

Komplikationen

Die Häufigkeit von Komplikationen ist vergleichbar mit der von Fusionsoperationen. Die meisten sind hierbei zugangs- und nicht implantat-bedingt.

Neben den allgemeinen operativen Komplikationen können dies vorwiegend sein:

  • Neurologische Komplikationen (in Literatur 3-20% beschrieben)
  • Hämatombildungen
  • Vorübergehende Schmerzzunahme (in bis zu 8-10%)
  • Verletzung grosser venöser oder arterieller Gefässe (bis 2%)
  • Leichte einseitige Temperaturempfindungsstörung der Füsse aufgrund einer Sympathikus-Läsion (in bis zu 1/3 der Fälle)
  • Fehlpositionierung der Prothese, Dislokation und Einbruch in die Wirbelkörper-deckplatten (in bis zu 9%)

In Einzelfällen berichtete Komplikationen, wie

  • Wirbelkörperbrüche
  • Tiefe Beinvenenthrombosen und arterielle Verschlüsse
  • Dünndarmverschluss
  • Ureterverletzung
  • Ejakulationsstörung beim Mann

Die operative Revision einer Diskusprothese ist aufgrund der postoperativen Vernarbungen anspruchsvoll und risikoreicher als die Erst-OP, die Zugangs-Optionen müssen schon beim Ersteingriff offengehalten werden, zusätzliche Massnahmen gegen eine ausgeprägte Vernarbung vor allem der grossen Gefässe sind sinnvoll, so z.B. die Einnaht eines Goretex-Patch und oder Verwendung eines Antiadhaesionsgels aus Zellulose.

Offene Fragen insbesondere zum Langzeitverhalten der Prothesen, möglichem Materialabrieb und Verhalten der Nachbarsegmente sind erst nach Langzeitstudien in einigen Jahren zu beantworten. Die kurz- und mittelfristigen Ergebnisse sind jedoch vielversprechend und mindestens gleichwertig zu den Fusionsergebnissen.

Entscheidend für das gute klinische Ergebnis nach Prothesenimplantation sind hauptsächlich 3 Faktoren:

  • Akkurate Diagnostik präoperativ
  • Strikte Selektion
  • Genaue Positionierung der Prothese in erfahrener Hand

Inklination

(Abb.12) 1-Jahres-Kontrolle der erhaltenen Beweglichkeit im operierten Segment LWK4/5 (o-MAV-Prothese)

Reklanation

Implantation von Bandscheibenprothesen der Halswirbelsäule (HWS)

Ziel

An der Halswirbelsäule können degenerative Bandscheibenveränderungen zu einem Bandscheibenvorfall (Diskus-Prolaps) führen oder die Entwicklung von Verknöcherungen (Osteophyten) begünstigen. Beides kann zu Druck auf Nerven-wurzeln und / oder Rückenmark führen mit den klinischen Zeichen des Nacken-/ Schulter-/ Armschmerz, der Nervenwurzel- oder Rückenmarks-Kompression.

Ziel ist nach erfolgosem konservativem Behandlungsversuch im Falle therapie-resistenter Beschwerden oder neurologischer Ausfälle über die komplette Entfernung der Bandscheibe und der druckwirksamen Verknöcherungen eine Dekompression der Nervenstrukturen zu bewirken und zugleich die Funktion des degenerativ nicht wesentlich vorgeschädigten Wirbelsäulensegments zu erhalten.

Dies beinhaltet den Erhalt der Segmentmobilität, die Wiederherstellung der reduzierten Höhe des erkrankten Zwischenwirbel- oder Diskus-Raums, die Entlastung der Kleinwirbel- oder Facetten-Gelenke und die Entlastung der Nervenwurzeln über eine Erweiterung der Zwischenwirbel-Austrittsöffnungen (Intervertebral-Foramina). Unbehandelt führt der degenerative krankhafte Diskusverschleiss zu den eben genannten Veränderungen mit Entwicklung von Arthrosen der Facetten-Gelenke (Spondylarthrose), des Diskuskollaps mit entzündlichen und schmerzhaften Veränderungen der Wirbelendplatten (Osteochondrose), Knochen- und Bandverdickungen (osteoligamentäre Hypertrophie) mit Kompression der Nervenstrukturen und der Versteifung des kranken Segments (Fusion) in einem langwährenden Umbauprozess.

Hintergrund

Der vordere Zugang zur Entfernung der Bandscheibe, Sequester-Entfernung mit Nervenwurzel-/Rückenmarks-Dekompression über Entfernung von Spondylophyten und Befreiung der Neuroforamina, sowie anschließender Versteifung (Fusion) der angrenzenden Wirbel mit oder ohne zusätzlicher vorderer Verplattung gilt heute als „Gold-Standard“ der operativen Versorgung von symptomatischen Bandscheiben-vorfällen und Verknöcherungen der Halswirbelsäule. Dies mit sehr guten bis guten Ergebnissen im Falle einer zugrundeliegenden Nervenwurzelkompression und mit zufriedenstellenden Ergebnissen bei der Rückenmarkserkrankung (Myelopathie).

Als Zwischenwirbel-Platzhalter werden neben dem klassischen Knochenspan aus dem eigenen Beckenkamm auch Materialien wie Zement oder Cages aus Titan oder Kunststoff, sowie Knochenersatzmaterialien verwandt.

Potentielle Probleme einer Fusion liegen mit erhöhten Raten bei OP gleich mehrerer Segmente in einem Ausbleiben der knöchernen Versteifung (Pseudarthrose oder „Falsch-Gelenk“), Knochenspan-Entnahmeschmerz, Implantat-Versagen, insuffizienter ostoperativer Wirbelsäulen-Balance, Überbelastung der Nachbar-segmente mit vorzeitiger Anschluss-Degeneration und verzögerter postoperativer Mobilisation. Die symptomatische Degeneration eines Halswirbelsäulen-Segments beinhaltet an sich bereits eine natürliche alters- und krankheitsbedingte Tendenz zur weiteren Nachbarsegment-Degeneration, verstärkt bei spontanen oder operativ hergestellten Fusionen. Biomechanisch konnte in Funktionsstudien an Kadaver-präparaten gezeigt werden, dass im Vergleich zu Segmenten ohne Fusion in den benachbarten Zwischenwirbelräumen nach Fusion deutlich erhöhte Druck-belastungen resultieren.

Diese Nachteile befürworten die Suche nach neuen „Nicht-Fusions“-Techniken wie der Diskusprothese mit dem erhofften Vorteil der erhaltenen Beweglichkeit, geringeren Anschluss-Degeneration und rascheren Mobilisation. So ist die volle alltagstaugliche Belastungsfähigkeit bei Prothesenpatienten in der Regel nach 6-8 Wochen wieder erreicht, bei Fusionspatienten frühestens nach einem halben Jahr. Entsprechend dürfen Hobby-Sportarten vorsichtig 8 Wochen nach Prothesen-OP begonnen werden, nach Fusion ist dies hingegen frühestens nach 1 Jahr empfohlen.

In einer ersten prospektiven Studie, die Patienten mit Fusion und Patienten nach Prothesenversorgung der HWS verglich konnte 2004 gezeigt werden, dass in der Prothesengruppe (Prestige-II-Prothese) nach 1 Jahr die segmentale Beweglichkeit mit 6° durchschnittlich erhalten war und dass nach 2 Jahren die Verbesserung der erfassten klinischen Parameter für beide Gruppen gleich waren. Allerdings profitieren Prothesen-Patienten in der frühen postoperativen Phase deutlich mehr als Fusionspatienten mit Beckenspanentnahme bei zugleich deutlich geringerer perioperativer Morbidität und deutlich besserer Akzeptanz des Op-Verfahrens.

Als Rückzugsmöglichkeit bei Komplikationen bleibt nach Prothesen-OP die Option einer Fusion erhalten.

Indikationen zur HWS-Bandscheibenprothese

Die klassische Indikation besteht in konservativ therapieresistenten symptomatischen Bandscheibenvorfällen und Osteophyten und entspricht im Prinzip der Indikation zur Fusion von vorne.

Wichtige Selektionskriterien sind ein Patientenalter unter 50 Jahren, eine erhaltene Restbandscheibenfachhöhe von 4mm, eine intakte hintere Wirbelsäule ohne Hinweise für eine Facetten-Arthrose in kranker oder benachbarter Segmenthöhe und vor allem eine erhaltene segmentale Beweglichkeit, geprüft in präoperativen Funktionsauf-nahmen der HWS.

Die Indikation zur OP bei cervikaler Myelopathie ist umstritten. Keine Indikation zur Prothese besteht unserer Ansicht nach bei Revisionen von Pseudarthrosen nach versuchter Fusion, bei Korrektur von Deformitäten und bei komplexen Wirbelkörper-eingriffen.
In erfahrener Hand bestehen durchaus auch gute Indikationen in der Kombination einer Diskusprothese mit einer gleichzeitigen Fusion eines degenerativ fortgeschritten geschädigten Nachbarsegments, sowie in einer 2-Höhen-Versorgung mit Prothese. Die Prothesenversorgung von mehr als 2 Segmenten muss momentan als experimentell bewertet werden.

Gegen-Indikationen zur HWS-Bandscheibenprothese

  • Krankhafte Veränderungen des hinteren Wirbelsäulen-Segments wie
    - Arthrosen der Facette-Gelenke
    - Den Spinalkanal langstreckig einengende Erkrankungen, wie z.B. der hinteren Längsband-Verknöcherung
    - Ausgedehnte Defekte nach Voroperationen, z.b. der Wirbelbögen oder der Facetten-Gelenke
    - Ausgedehnte Vernarbungen der Nervenwurzeln und neuropathische chronische Schmerzen
  • Wirbelbögendefekte, degenerativ oder angeboren (Spondylolisthese)
  • Osteoporose (Steroide, Antikonvulsiva, autoimmun, metabolisch, Alkohol, Amenorrhoe)
  • Rheumatoide Arthritis und andere rheumatische Erkrankungen
  • Skoliose- oder Kyphose-Deformität
  • Irreguläre Endplatten der Wirbelkörper
  • Frakturen, Tumoren, Infektionen
  • Metall-Allergie (Nickel)

Voruntersuchungen

  • Körperliche Untersuchung orthopädisch und neurologisch
  • Röntgen HWS in 2 Ebenen und seitliche Funktionsaufnahmen vornüber- und zurückgebeugt
  • Foramenaufnahmen der HWS
  • Kernspintomographie (MRI) der HWS
  • Im klinischen Verdachtsfall neurologische elektrophysiologische Untersuchungen zum Ausschluss eines peripheren Nervenkompressions-Syndroms, wie z.B. in der Beugefurche des Handgelenks (Nervus medianus) oder an der Innenseite des Ellbogens (N. ulnaris)

Verwendeter Prothesentyp

Prestige LP (MSD)

Eine 2-Komponenten-Metall-Metall-Paarung (CoCr-Titanium-Alloy/Titanium-Carbid) mit Vertiefung der Basisplatte und kugelförmigem Aufbau der artikulierenden oberen Platte. Verankert wird die Prothese über je 2 gezackte Finnen in jeder Platte und über bioaktive Materialien auf den knochenzugewandten Plattenseiten.

Abbildung 13a-b : Prestige LP – Prothese für die Halswirbelsäule mit Einbring-Instrument

Abbildung 13a-b : Prestige LP – Prothese für die Halswirbelsäule mit Einbring-Instrument

Abb 13 b

Die Prothese verfügt über ein Gleitpaarungsprinzip, was neben Rotation, Beugung, Streckung und Seitneigung auch eine gewisse Translation ermöglicht. Gleichzeitig ist das Rotationszentrum jedoch deutlich fixierter als bei einer „unconstrained“-Prothese, was im Falle der korrekten Implantation dem Segment, insbesonders nach erforderlicher Resektion des hinteren Längsbands, grössere Stabilität verleiht und die Facetten-Gelenke entlastet, gleichzeitig aber auch zu einer grösseren Belastung der Kontaktfläche Prothese-Knochen führt.
Der Erhalt der segmentalen Beweglichkeit im operierten Segment ist bei Versorgung mit den Vorgängermodellen der Prestige-LP-Prothese in Studien mit bis zu 4 Jahren belegt.

(Abb.14) Implantierte cervikale Prestige-Prothese
MRI der WS mit Bandscheibenvorfällen HWK 5/6 und 6/7 . Doppelhöhenversorgung mittels Prothese.

MRI der WS mit Bandscheibenvorfällen HWK 5/6 und 6/7 . Doppelhöhenversorgung mittels Prothese.

Doppelhöhenversorgung mittels Prothese.
Doppelhöhenversorgung mittels Prothese.

Operative Vorgehensweise

Der Zugang entspricht dem standardgemässen Vorgehen bei der vorderen Dekompression und Fusion der Halswirbelsäule. Die Ausräumung und Dekompression der hinteren Bandscheibenanteile erfolgen zur sichtbaren Dekompression des Duralsacks, der Neuroforamen und Nervenwurzeln nach zumeist Resektion des hinteren Längsbands in unserer Klinik unter mikroskopischer Sicht.
Zur Vermeidung des Einsinkens der Prothese kommt dem Erhalt des harten tragfähigen Wirbelkörperknochens während der Bandscheibenausräumung und der Verwendung passgenauer Implantate, die der tragfähigeren Masse der Wirbelkörper-platten aufliegen, entscheidende Bedeutung zu.

Komplikationen

Die Häufigkeit von Komplikationen entspricht der von Fusionsoperationen. Die meisten sind hierbei zugangs- und nicht implantat-bedingt.

Spezifische prothesenbedingte Komplikationen umfassen:

  • Eine Verschiebung der Prothese
  • Einbruch der Wirbelkörper-Deckplatten
  • Kyphose-Fehlstellung
  • Verknöcherung um die Prothese mit Verlust der Beweglichkeit im längeren Verlauf

In Einzelfällen berichtete Komplikationen sind

  • Wirbelkörperbrüche (bei Prothesen mit grossem zentralem Kiel) mit neurologischen Komplikationen

Die operative Revision einer HWS-Diskusprothese ist im Unterschied zur Lendenwirbelsäule deutlich einfacher, sicherer und komplikationsärmer, was einen grossen Vorteil im Hinblick auf potentielle Langzeitkomplikationen bedeutet.

Definitive Erkenntnisse bezüglich der Haltbarkeit auch im Hinblick auf die nachlassende Knochenqualität im höheren Lebensalter lassen sich erst in Langzeit-studien gewinnen, welche aktuell noch nicht vorliegen.

Entscheidend für das gute klinische Ergebnis nach Prothesenimplantation sind hauptsächlich 3 Faktoren:

  • Akkurate Diagnostik präoperativ
  • Strikte Selektion
  • Genaue mikrochirurgische Dekompression und Vorbereitung des Prothesenlagers, sowie die exakte Positionierung der Prothese in erfahrener Hand

(Abb.15) Halbjahres-Funktionskontrolle einer Prothese HWK 5/6

(Abb.15) Halbjahres-Funktionskontrolle einer Prothese HWK 5/6

(Abb.16)

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